[Rezension] Der Wolkenatlas


David Mitchell
Der Wolkenatlas
Rowohlt Verlag
9,99
ISBN 978-3-499-24036-2
1. Auflage November 2007
672 Seiten
Broschiert
Leseprobe
Verlagsseite









Sechs Lebenswege, die sich unmöglich kreuzen können: darunter ein amerikanischer Anwalt, der um 1850 Ozeanien erforscht, ein britischer Komponist, der 1931 vor seinen Gläubigern nach Belgien flieht, und ein koreanischer Klon, der in der Zukunft wegen des Verbrechens angeklagt wird, ein Mensch sein zu wollen. Und dennoch sind diese Geschichten miteinander verwoben. Mitchells originelle Menschheitsgeschichte katapultiert den Leser durch Räume, Zeiten, Genres und Erzählstile und liest sich dabei so leicht und fesselnd wie ein Abenteuerroman. (Quelle)

Sonnenbeschienene Dächer, Schnellstraßen, Pendlersilos, AdVs, Beton … und dahinter, ganz weit in der Ferne, senkte sich der Bauch des Himmels hinab zu etwas, wo alles Leid der Worte ›Ich bin‹ sich in friedliches Blau auflöste.
(S. 452)





Dieses Buch habe ich ziemlich blind gekauft. Der Trailer zum Spielfilm hat mich darauf aufmerksam gemacht und ich wollte das Buch unbedingt lesen - glücklicherweise lief es mir in einer Buchhandlung über den Weg. Von David Mitchell habe ich bisher erst einen Roman gelesen, Number Nine Dream, der mir ziemlich gut gefallen hat.

Der Klappentext vom Wolkenatlas hat mich wirklich neugierig gemacht und so musste es keine lange Zeit auf meinem Sub verbringen. Ich startete gleich hinein - und war etwas ernüchtert. Denn der erste Teil des Romans ist alles andere als leichte Kost. Da ich Abendleser bin, war ich vielleicht auch einfach zu müde, um dem Buch die benötigte Aufmerksamkeit zu schenken, aber durch das erste Stück des Romans und den ersten Lebensweg habe ich mich wirklich etwas durchgequält.

Dabei hat mich der Schreibstil aber stets fasziniert. Denn David Mitchell reizt in diesem Roman die Möglichkeiten, die sich ihm als Schriftsteller bieten, vollkommen aus. Jede seiner Figuren hat ein eigenes Erzählformat und einen ganz eigenen Stil, der dem jeweiligen Jahrhundert angepasst ist. Das ist wirklich großartig, wenn auch nicht immer einfach zu lesen.

Zu dem Aufbau des Buches lässt man am besten ein Zitat eines der Protagonisten sprechen:
Habe die letzten vierzehn Tage im Musikzimmer zugebracht und die Fragmente dieses Jahres zu einem »Sextett für einander überschneidende Solostimmen« umgearbeitet: Klavier, Klarinette, Cello, Flöte, Oboe, Violine, jedes Instrument mit einer ganz eigenen Sprache aus Tonart, Melodik und Klangfarbe. Im 1. Satz wird jedes Solo vom nachfolgenden unterbrochen; im 2. setzen sich die unterbrochenen Soli in umgekehrter Reihenfolge fort. Revolutionär oder effekthascherisch? Werde das erst erfahren, wenn es fertig ist, und dann ist es zu spät […]
(S. 585)
Genau das ist der Wolkenatlas. Sechs Personen, die in oben beschriebener Weise zur Worte kommen. So sind die einen die Zukunft des anderen und gleichzeitig die Vergangenheit des nächsten. Und diese Verbindungen werden einem erst in der Umkehrung der Erzählweise richtig bewusst.

Thematisch sind die einzelnen Abschnitte ganz unterschiedlich. Stehen im zweiten Abschnitt die Briefe eines Künstlers im Vordergrund, der darunter leidet, seine Kunst nicht unabhängig vom Materiellen ausleben zu können, geht es im dritten Abschnitt um eine Reporterin, die für die Wahrheit kämpft. Aber immer tauchen dieselben Grundmotive auf: Freiheit, Zivilisation, die Macht der Herrschenden und die Unterdrückung der Schwachen. Und natürlich geht es um die Reise von Seelen, auch wenn das Thema nicht aufdringlich in den Vordergrund gestellt wird.

Ich muss gestehen, dass ich erst nach der Hälfte so richtig mit dem Buch warm geworden bin. Dann hat es mich fasziniert und mich gefesselt, begeistert. Ich denke, die Begeisterung ab der Mitte des Buches liegt auch daran, dass die meisten kleinen Abschnitte ihren Sog erst richtig in der zweiten Hälfte entfalten, so als wäre die erste Hälfte nur eine Einleitung.

Die Charaktere, selbst die Nebencharaktere, die ja wirklich nur einen kleinen Platz im entsprechenden Abschnitt einnahmen, geistern immer noch in meinem Kopf herum, so intensiv  habe ich an einem kleinen Teil ihres Lebens teilgenommen. Dabei muss ich hinzufügen, dass mich einige Abschnitte stärker begeistert haben als andere. Der arme Pazifikreisende wird mein Herz wohl nie so sehr erobern wie der koreanische Klon.

Dieses Buch wird auf jeden Fall nicht mein letztes von David Mitchell gewesen sein, denn es war so ein interessantes Leseerlebnis, das ich gerne wiederholen möchte. Unbedingt wiederholen möchte!  

Dabei stehe ich nun der gefilmten Umsetzung sehr kritisch gegenüber: Wie möchte man so etwas verfilmen? Diese Frage schwirrt mir immer wieder durch den Kopf. Der Schreibstil war für mich in diesem Buch so bedeutend, dass ich mich frage, wie es ohne ihn funktionieren soll. Aber ich bin gespannt.
Von unten aus dem Kajak sah ich den kwabblichen Wolken zu. Seeln wandern durch die Zeiten wie die Wolken übern Himmel, un wenn ner Wolke ihre Form un Farbe un Größe auch nie dieselbe bleibt, is sie doch immer ne Wolke, un genauso isses mit ner Seele auch. Wer weiß schon, von wo ne Wolke hergeweht is un was fürn Mensch ne Seele morgen sein wird?
(S. 412)




Ein faszinierendes Buch, dass durch seinen Schreibstil (oder seine Stile?) brilliert und so einen weiten Bogen durch die Weltgeschichte spannt - von der Vergangenheit in die Zukunft und wieder zurück. Nicht immer leichte Kost, aber dennoch hat es mich stets begeistert.

Idee: 5/5 
Charaktere 5/5 
Schreibstil: 5/5 
Lesespaß: 4/5 (für die Startschwierigkeiten) 

Gesamt: 

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