[Rezension] Es war einmal Indianerland



Nils Mohl
Es war einmal Indianerland
Rowohlt Verlag
12,99 €
ISBN 978-3-499-21552-0
1. Auflage 1. Februar 2011
352 Seiten
Klappenbroschur
Verlagsseite
Leseprobe







Stell dir vor, du bist 17 und lebst in den Hochhäusern am Stadtrand. Der Sommer ist heiß. Es ist Mittwochnacht, als dir Jackie den Kopf verdreht. Im Freibad. Fuchsrotes Haar. Sandbraune Haut. Stell dir vor, wie dir die Funken aus den Fingern sprühen vor Glück. Und plötzlich fliegt die Welt aus den Angeln: Zöllner erwürgt seine Frau. Edda, die 21-Jährige aus der Videothek, stellt dir nach. Mauser steigt mit Kondor in den Ring. Immer wieder meinst du, diesen Indianer mit der Adlerfederkrone zu sehen. Und dann zieht zum Showdown ein geradezu biblisches Gewitter auf – fühlt es sich so an, erwachsen zu werden? (Quelle)

Ein hauchdünner weißer, leuchtender Schleier bedeckt den Himmel. Durch ihn hindurch brutzelt die Sonne bereits unbarmherzig auf den Stadtrand nieder, trommelt und hämmert gegen Mauern, Fenster und Satellitenschüsseln. Ein Sommertag wie aus einem Comic. Die Luft flimmert, als wäre sie voller Benzindampf.
An diesem Morgen beginnt alles, was niemand wissen kann.
S. 48


Nachdem meine Kollegin mir so von diesem Buch vorgeschwärmt hat, konnte ich nicht anders und musste es mir kaufen und habe diese Anschaffung auf keinen Fall bereut. Das Buch ist ungewöhnlich gewöhnlich. Gewöhnlich deshalb, weil die Story eigentlich recht "normal" ist; ungewöhnlich aufgrund des Schreibstils und der Darstellung. Ein typischer Jugendroman über das Erwachsenwerden in einem herausstechenden Gewand, das mich persönlich sehr angesprochen hat. Aber ich schätze, dass der Stil durchaus polarisieren kann, denn er ist sehr modern.

Das ungewöhnlichste ist wohl der Aufbau des Buches. Es besteht aus zwei Hauptteilen, die aus ineinander verschränkten Szenen bestehen. Die Angaben "vor: Samstag, noch 2 Tage Ferien", "zurück: Mittwoch, noch 12 Tage Ferien", wie bei einer Kassette, die man spult, sind die einzigen Anhaltspunkte, die man als Leser hat, um die einzelnen Szenen im Kopf aneinanderzureihen. Am Anfang sind die Sprünge sehr verwirrend, doch je tiefer man in das Buch einsteigt, desto vollständiger wird das Bild der Handlung im Kopf. Fragmente, die langsam zusammenfinden und sich zu einem Ganzen vereinen.
Ich habe mich manchmal gefragt, ob das Buch diese verschränkten Szenen überhaupt nötig hat. Ob es seine Sogkraft nicht auch mit einer linear aufgebaute Geschichte beibehalten würde. Letztendlich bin ich noch zu keinem Schluss gekommen, stehe dem Aufbau auch etwas zwiespältig gegenüber.

Der Schreibstil ist ... anders. Ich nutze ja gerne das Wort "rund" um einen ausgefeilten Schreibstil zu beschreiben, bei dem man das Gefühl hat, dass jedes Wort an der einzig richtigen Stelle sitzt, bei dem eine Melodie der Worte entsteht.
Dieser Stil ist eher geprägt von Disharmonien, Tonfolgen, die unbeherrscht und mächtig an die Oberfläche brechen. Die Gedanken des Protagonisten, unsortiert, ungefiltert und dabei so realistisch eingefangen. Rund auf seine ganz eigene Weise und dabei doch immer wieder eckig.
Ja, je länger ich über den Stil nachdenke, desto besser gefällt er mir, auch wenn er sicher eine gewisse Gewöhnungszeit braucht. Aber er ist stark und fasst Emotionen und Eindrücke so bildreich und passend in Worte, dass man Gedanken des Protagonisten nachvollziehen kann und das Gefühl hat, neben ihm zu stehen, dasselbe wahrzunehmen wie er.

Das zentrale Thema des Romans ist das Erwachsenwerden. Der namenlose Protagonist ist auf der Suche, auf der Suche nach etwas, das ihm Halt gibt und als Leser kann man seine Suche miterleben. Dabei testet er vieles aus, verhält sich nicht kalkulierbar, möchte anecken, die Welt austesten. Genau diese Stimmung, die sich auch im Aufbau des Buches und im Schreibstil widerspiegelt.
Dabei trifft man auf ganz unterschiedliche Charaktere. Sie sind alle normal und doch besonders, Nils Mohl gelingt es, Eigenheiten herauszugreifen, die die Charaktere unverwechselbar machen, mit ihren Ecken und Kanten. Es war kein Charakter dabei, von dem ich nicht gerne noch mehr erfahren hätte. Doch der Hauptcharakter ist und bleibt der namenlose Protagonist und so wird auch er am genausten beleuchtet - kein Wunder, begleitet man ihn als Leser zwölf Tage lang und hat Einblick in sein Innenleben.

Das war ein ungewöhnliches und eindringliches Leseerlebnis für mich. Ja, ich weiß, ich schwärme oft von "ungewöhnlichen" Büchern, von "anderen" Büchern, aber ich begebe mich meist auch bewusst auf die Suche danach. Bei diesem Buch hätte ich gar nicht damit gerechnet, wurde also positiv überrascht von der Sprache, die mich einfach mitgerissen hat.
"Es war einmal Indianerland" hat dieses Jahr übrigens auch den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. Auf Preise muss man nicht unbedingt etwas geben, aber ich wollte es zumindest mal erwähnen.

- Wo ist Bozorg, ich meine, Martin?
Ihr Geruch, als sie näher kommt. Kein Parfum. Kein Schweiß. Wie ein Fluss vielleicht im Herbst. Oder ein Seeufer. Passt zur vornehmen Blässe. Sie:
- Kommt gestern ein possierliches Opossum hier rein, nimmt Bozorg, ich meine, Martin, es auf die Hand, gibt ihm einen Kuss und verwandelt sich daraufhin selbst in eine Texas-Klapperschlange. Rasselt er dann vor Glück mit dem Schwanz, verspeist das possierliche Tierchen gleich an Ort und Stelle und kraucht weg.
- ...?
Die abgemilderte Variante des kollernden Lachens. Dann die Frage hinterher:
- Wer ist Bozorg, ich meine, Martin?
S. 53


Ich empfehle dieses Buch all jenen, die durchaus neuen Leseerlebnissen gegenüber offen sind, die nichts gegen einen ungewöhnlichen Stil und ein ungewöhnliches Buch haben. Wenn man Spaß an so etwas hat und gleichzeitig noch gerne Jugendromane über das Erwachsenwerden liest, ist das Buch genau das richtige. Zum Reinschnuppern bietet sich die Leseprobe an.

Idee: 4/5
Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Schreibstil: 5/5
Lesespaß: 5/5

Gesamt:
  

Kommentare:

  1. Liebe Miyann,

    danke für deinen letzten Brief. Wie geht es dir? Mir geht es gut. Heute gab es Tortellini zum Abendessen. Das war sehr lecker
    ...
    Sorry, ich konnte nicht wiederstehen ;D Deine Bemerkung, dass unser Monster-Kommi schon Briefcharakter hat, hat mich an meine Brieffreundin aus der Grundschule erinnert. In obigem Stil haben wir uns damals immer geschrieben. Ist total lustig, wenn man das heute liest :D
    Jetzt aber ernsthaft weiter: Buchkaufsucht geht ja auch zwangsläufig mit Lesesucht einher. Deine Möbel-Anordnung klingt auf auf jeden Fall sehr interessant, auch wenn ich mir das nicht so richtig vorstellen kann :D Aber Improvisation ist alles :)

    Ich schreibe ja am allerliebsten total vernichtende Rezis. Das kam aber bisher nur ein oder zweimal vor, weil das Buch dann echt grottig sein muss :D Richtig geistreich loben finde ich fast schon so schwer, wie eine Rezi zu Durchschnittsbüchern zu schreiben. Man rutscht da so leicht in Gefloskel rein und wird dem Buch dann nicht mehr gerecht. Mir gehts zumindest imemr so ;P Aber ja: behalt deinen Rezensions-Stil unbedingt :D

    Bist du eigentlich selbst eine Computer-Spiel-Game-Zockerin (oder wie man das auch immer nennt^^)? "Erebos" ist auf jeden Fall ein bisschen kritisch in der Beziehung, aber ich hab das eher als Sensibilisierung für das Thema empfunden - auch weil es ja ein Jugendbuch ist und der Plot so überzogen - und nicht als moralischen Zeigefinger. Aber ich spiele (außer manchmal Majong :D ) auch keine Computer-Spiele und fühl mich deshalb nicht so angesprochen :)

    Super, dass die Ausbildung vorm Studium richtig für dich war :) Dann hast du ja im Idealfall schon ein paar Grundlagen dadurch mitgenommen :) Ich denke, es bringt allgemein viel, wenn man mal in die Arbeitswelt reinschaut, bevor man studiert. Auch wenn ich bei mir einige sitzen habe, die im Nachhinein bereuen, 'ne Ausbildung gemacht zu haben. Von wegen "verlorene Zeit" ... da frag ich mich immer, welche Zeit genau die verloren haben wollen. Ich hatte jedenfalls nach dem Abi auch ein Jahr Auszeit und das war ebenfalls absolut gut so :P

    Diese Naivität habe ich auch noch :D Irgendwie kommt man schon unter, sag ich mir immer :D Ich drück dir auf jeden Fall die Däumchen, dass mindestens einer deiner Pläne aufgeht ;D

    Hach ja, BaföG. Das leidige Thema. Sei froh, dass dir das erspart geblieben ist :P Wobei ich es als ganz guten Einstieg in dieses Amts-Gedöns sehe, mit dem man sich ja dann, wenn man richtig *hust* erwachsen ist, rumschlagen muss. Momentan hat man wenigstens nur ein Amt und dessen Papierkram zu erledigen ;P

    Klar, es gibt zu allem 'ne Theorie. Auch zu James Bond. Wir Geisteswissenschaftler brauchen Theorien zum Denken wie Luft zum Atmen :D
    ...ich kann dir nur leider nicht mehr sagen, welche das jetzt speziell war. Ist schon zu lange her xD

    Ich versuche übrigens, viele Wörter einfach wegzurationalisieren, damit der Monster-Kommentar ein bisschen gestutzt wird, aber es gelingt mir offensichtlich nicht so unheimlich super ;P

    Dunning-Kruger-Effekt? Nie gehört. Habs grade mal gegooglet, aber im Wikipedia-Artikel (apropos Wissenschaftler und so, ne?^^) waren mir für heute Abend entschieden zu viele Fremdwörter allein im ersten Satz. Das geht grade nicht in die Birne :D
    Aber es ist auf jeden Fall nicht schlecht, selbstkritisch zu sein, sonst würde man sich ja nicht weiter entwickeln :)

    Haare sind einfach ein schlimmes Thema. Genau wie Jeans kaufen. Da kann man nur im äußersten Glücksfall richtig zufrieden sein. Frisurtoleranz ist da ein sehr passendes Wort. Daran muss ich auch mal arbeiten :P

    Die Tiere zu therapieren war eins der ersten Sachen, die ich gemacht habe, als wir ganz frisch DSL bekommen haben (waren da ein bisschen spät dran), aber da waren schon alle Tiere da, die jetzt auch da sind. Da merkt man mal, wie viel Verantwortung für das Seelenheil so ein Therapeut hat ;P

    Auf jeden Fall hat der Film den Kurzfilmpreis verdient bekommen. Richtig witzig :D

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    1. Und jetzt ist immernoch ein Kommentar übrig. Ging leider auch diesmal nicht am Stück :D
      Alsooo, weiter geht's:
      Kinder sind in Zügen auch echt manchmal nicht sehr schön. Was ich da schon alles erlebt hab, seit ich solche Langstrecken fahre. Einmal hatte ich plötzlich einen Keks im Auge. Das war gar nicht mal so schön :P

      Und schwupps ist "Corpus Delicit" auf meinen Wunschzettel gewandert :D (Und ja: Interesse an neuer deutscher Literatur ist definitiv vorhanden und in meinem Studium von Vorteil - wobei 'neu' tatsächlich bedeutet 'ab dem 16. Jahrhundert xD )

      Eigentlich wollten wir die Schenkerei in der Familie auch einstellen, als meine kleine Schwester 18 geworden ist. Aber irgendwie sind wir trotzdem hängen geblieben :P Macht ihr das schon lange so, oder fangt ihr jetzt erst an?

      Sooo, ich habe fertig :D
      ...
      Jetzt hast du aber genug zum Lesen gehabt für heute. Ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief.
      Deine MelMel ;)

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