[Rezension] Liebe am Papierrand





Yôko Ogawa
Liebe am Papierrand
Liebeskind Verlag
19,80
ISBN 978-3-935890-25-0
1. Auflage August 2004
256 Seiten
Gebunden
Verlagsseite









Eine junge Frau nimmt in einem Hotel an einer Gesprächsrunde mit Gehörkranken teil. Zu dem Stenographen, der das Gespräch protokolliert, fühlt sie sich auf geheimnisvolle Weise hingezogen. Von ihm erfährt sie, daß das Hotel einst einer Fürstenfamilie gehörte, deren kleiner Sohn seinerzeit von einem Balkon stürzte. Jahrelang lag das Kind schwerverletzt in einem der Zimmer, in das der Fürst unzählige Blumen pflanzen ließ, da der abendliche Duft der Blüten dem Jungen Erleichterung verschaffte. Als die Frau nun zusammen mit dem Stenographen das Zimmer besichtigt, glaubt sie, den Duft der längst vergangenen Blumen wahrzunehmen. Sie bittet ihn, fortan ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Doch als der Stenograph mit den Aufzeichnungen beginnt, und die junge Frau erkennt, daß er hierfür nur eine begrenzte Anzahl von Papier vorgesehen hat, spürt sie, daß sie ihn bald schon wieder verlieren wird…(Quelle)

Unaufhörlich kreisten meine Gedanken. Ich stellte mir die Erinnerungen wie feine Körnchen oder winzige Perlen vor, die von Geistern sorgfältig Stück für Stück sortiert wurden. In meiner Phantasie sah ich, wie sie die perlenfarbenen Körnchen gegen das Licht hielten, um in ihr Inneres blicken zu können, wie sie sie betasteten und ihren Geruch einatmeten, um sie anschließend in die jeweils passende Schublade einzuordnen.
S. 46


Und wieder ein Buch von Yôko Ogawa. Ich bin von dieser Autorin wirklich sehr begeistert und denke, dass ich versuchen werde, langsam alle ihre Bücher zu lesen. Denn sie verzaubert mich mit ihren Geschichten und ihren Worten.

Diesem Roman mit dem ungewöhnlichen Titel haftet wirklich eine besondere Aura an. Er ist still, ruhig und gleichzeitig sehr tief mit einer surrealen Atmosphäre, die nie verschwindet. Unter der Oberfläche wartet mehr, als man auf den ersten Blick denken würde.
Der Schreibstil des Buches ist sehr angenehm, leicht, flüssig, nicht zu schlicht, nicht zu überladen und dabei trotzdem irgendwie ... besonders.

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive einer jungen Frau geschrieben, deren Leben unerwartet aus den Fugen geraten ist. Langsam versucht sie zurück ins Leben zu finden und entdeckt dabei den Wert kleiner Dinge, ordnet ihre Welt neu und muss dabei auch immer wieder zurück in ihre Vergangenheit reisen. Sie wirkt wie jemand, der neben der Welt herlebt, wie ein stiller Beobachter, nicht richtig im Jetzt verhaftet.
Es gibt nicht viele handelnde Personen. Genau genommen nur drei, zusätzlich einige Randfiguren und die Personen aus den Erinnerungen. Aber diese drei Charaktere fand ich sehr genau und stimmig gezeichnet.
Yôko Ogawa kleidet die Gefühle und Gedanken der jungen Erzählerin so wunderbar in Worte, dass man sie in jedem Moment versteht. Man kann nachvollziehen, warum sie sich zu dem jungen Stenographen hingezogen fühlt.

Eine normale Liebesgeschichte also? Definitiv nicht. In diesem Roman gibt es keinen einzigen Kuss oder ähnliches. Es ist eine ganz besondere Beziehung, die hier entsteht, und es handelt sich vielmehr um einen Selbstfindungs- als um einen Liebesroman.
Besonders grandios war für mich das Ende, aber hier möchte ich natürlich nicht vorgreifen. Ich schätze aber, dass ich noch lange darüber nachdenken werde.

Und wieder fällt eine Rezension etwas kürzer als als geplant. Das Buch würde so viel mehr Worte verdienen, aber was soll man machen ... Ich bin mittlerweile wirklich ein großer Fan dieser Autorin. Allerdings muss ich trotz meiner 5-Sterne-Wertung darauf hinweisen, dass mir "Das Ende des Bengalischen Tigers" noch etwas besser gefiel.

Nach jeder meiner geflüsterten Fragen richtete er den Blick für ein paar Sekunden in die Ferne und schrieb dann die Antwort auf den Block. Sobald eine Seite vollgeschrieben war, blätterte er sie mit einer jener leichten und fließenden Bewegungen, die auch seine Art zu schreiben auszeichneten, mit der linken Hand um. Seine einzelnen Finger schienen ihm mühelos zu gehorchen.
S. 52

Ein stiller und ruhiger Roman, der sich um die Selbstfindung dreht, um die Relevanz von kleinen Dingen im Leben.

Idee: 5/5
Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Schreibstil: 5/5
Lesespaß: 5/5

Gesamt:
  

Kommentare:

  1. Huhu Marit!

    Und wieder hast du es geschafft mich neugierig zu machen. Nachdem ich letztens die Leseprobe zu "Das Ende des bengalischen Tigers" gelesen habe, bin ich noch mehr davon überzeugt, dass ich das Buch so bald als möglich lesen möchte und dieses hier klingt so gut, dass es direkt mit auf die Liste muss.

    Ich glaube, das nächste Jahr wird DAS Buchkaufjahr für mich :D

    Viele Grüße!

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    1. Hallo Tin. :)

      Ah, das ist toll. Ich bin wirklich absolut begeistert von den Büchern und kann sie nur weiterempfehlen!

      Hehe, ja, übers Bloggen wird die Buchwunschliste auch immer länger und länger ...

      Viele Grüße. :)

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  2. Das Buch klingt wirklich interessant.
    Vielleicht les ich das mal :)

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    1. Wenn es zufällig den Weg zu dir findet, würde ich mich übe deine Meinung freuen. :)

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    2. Werde dann auf jeden Fall berichten :)

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