[Rezension] Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus



Jan de Leeuw
Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus
Carlsen
5,95
ISBN 978-3-551-31127-6
1. Auflage August 2012
160 Seiten
Broschur
Verlagsseite





Inhalt


Was tut man, wenn man eines Morgens die Mutter tot im Schlafzimmer findet, der Vater nicht greifbar ist und die geliebte kleine Schwester sich schon unbändig auf ihren Geburtstag freut? Jonas versucht zu retten, was noch zu retten ist, befördert seine Mutter kurzerhand ins Kühlhaus und behauptet, sie sei verreist. Nur leider traut die überaus neugierige Nachbarin der Sache nicht so ganz. Und als Jonas auch noch den Job seiner Mutter als Kummerkastentante Dr. Linda übernimmt, droht das Lügengebäude endgültig einzustürzen. Denn seine seltsamen Ratschläge zum Thema Liebe rufen Heleen auf den Plan, die sich gerne persönlich bei Dr. Linda beschweren möchte - mit ungeahnten Folgen! (Quelle)

Es war still im Haus. Er suchte die Nummer der Polizei und des Arztes heraus. Eine Weile blieb er so sitzen mit dem Telefon auf dem Schoß. Ab und zu fuhr ein Auto durch die Straße. Ein paar Mädchen gingen lachend am Fenster vorbei. Die Uhr schlug ein Mal.  
S. 21


Meine Meinung


Manchmal kauft man Bücher, bei denen man weiß, was einen erwartet. Die ein altbekanntes Rezept aufgreifen und verarbeiten. Bei diesem Buch kann davon nicht die Rede sein. Schon das Cover finde ich schwer einzuordnen - ich denke, ich habe mir das Buch hauptsächlich aus Experimentierfreude und wegen des billigen Preises zugelegt. Mit Jugendbüchern beschäftige ich mich ja gerade im Rahmen von The Contemporary YA Challenge genauer.

Schon der Beginn hat mich gefesselt, denn es startet in der Tat sehr ungewöhnlich. Nach einem Kafka-Zitat spricht der Protagonist des Buches den Leser direkt an, schildert mit sehr viel Humor eine Szene und erklärt dann die Theorie von Schrödingers Katze, die - seiner Aussage nach - für das Buch sehr relevant ist. Erst dann beginnt der eigentliche Roman aus der Sicht eines auktorialen Erzählers.

Der Schreibstil hat mir wirklich gut gefallen. Jugendlich, frisch, aber auch sehr pointiert. Genauso habe ich auch den Inhalt empfunden. Es wird nichts Unnötiges erzählt, jedes Teilchen der Erzählung hat seine Bedeutung, auch wenn es am Anfang noch so unwichtig erscheint.
Kritisieren kann man hier vielleicht, dass es teilweise zu kurz gehalten ist. Auf das Innenleben der handelnden Personen wird nicht eingegangen; wie genau Jonas sich fühlt, kann man nur erahnen, es wird dem Leser nicht detailliert vorgegeben. Dennoch konnte ich anhand von Jonas Handlungen seine Gefühlslage sehr gut nachvollziehen - meiner Meinung nach braucht nicht jedes Buch exakte Beschreibung des Innenlebens der Personen. Das ist aber sicher auch Geschmackssache.
Eine Möglichkeit, Jonas Gedanken nachzuvollziehen, sind zum Beispiel auch die Briefe, die er im Namen von Dr. Linda verfasst. Das habe ich als sehr gelungenes Mittel empfunden.

Jonas war ein sehr sympathischer Hauptcharakter. Auch wenn er mit der Situation oft überfordert wirkt, fällt ihm immer eine neue Lösung ein. Warum ruft er nicht die Polizei an, als er seine Mutter tot auffindet? Der Hauptgrund ist wohl der Schutz seiner achtjährigen Schwester, die ihm sehr am Herzen liegt und für die er alles tun würde.
Auch die Nebencharaktere gefielen mir sehr gut. Sie wurden knapp beschrieben, aber wirkten dennoch  lebendig und mehrdimensional.

Obwohl das Buch sehr ernste Themen behandelt (der Protagonist findet auf den ersten Seiten seine tote Mutter, der Vater sitzt in der Psychiatrie und er muss sich allein um seine Schwester kümmern), verliert es nie seinen Humor, was wahrscheinlich an der amüsanten Erzählweise, der Situationskomik und den sympathischen Charakteren liegt. Die Szenen sind oft skurril und werden mit einem Augenzwinkern wiedergegeben. Ein gelungener Mix aus Tragik und Komik, bei dem ich persönlich immer die verlorene Atmosphäre wahrnehmen konnte, die Jonas umgibt.

Dieses Buch hat mich lange nicht losgelassen, vor allem, da nicht viele Antworten geboten werden. Vieles wird nur angeschnitten, muss man sich selbst erschließen oder man kann es vielleicht auch gar nicht ganz erschließen. Für viele Leser ist diese offene Handlung sicherlich ein Makel, mich hat es fasziniert.
Ich finde es sehr schwer, das Buch überhaupt angemessen in Worte zu fassen - denn Standard ist es ganz sicher nicht.

Sarah lag im Bett.
»Gibt es einen Himmel für Hamster?«, fragte sie.
»Was glaubst du?«
»Ich glaube es nicht.«
»Wieso nicht?«, fragte er.
»Wenn es im Himmel genauso ist wie in seinem Käfig, dann hätte er doch nicht sterben müssen, oder? Dann hätte er genauso gut weiterleben können.«
S. 72


Fazit


Ein wirklich ungewöhnliches Jugendbuch über einen Jungen, der aus einer verlorenen Situation das Beste zu machen versucht. Tragik und Komik werden hier miteinander vereint.

Idee: 5/5
Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Schreibstil: 4,5/5
Lesespaß: 5/5

Gesamt:
  

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