[Rezension] Alle meine Wünsche



Grégoire Delacourt
Alle meine Wünsche
Hoffmann und Campe
15,99
ISBN 978-3-455-40384-8
1. Auflage 12. September 2012
128 Seiten
Gebunden
Verlagsseite
Leseprobe





Inhalt


Jocelyne, 47, führt einen Kurzwarenladen im nordfranzösischen Arras. Die Kinder sind aus dem Haus und Jocelynes ganze Leidenschaft gilt ihrem Internet-Blog übers Sticken, Nähen und Stricken. Sie liebt ihr kleines Leben, liebt sogar ihren ungehobelten Mann - bis durch einen riesigen Lottogewinn alles aus den Fugen gerät. (Quelle)

Meine Hände streichen über Stoffe, meine Finger zittern bei der Berührung von Organdy, feinem Wollfilz, Jute, Patchworks. [...] Alles Gold der Welt würde diesen Taumel nicht aufwiegen. Hier sind alle Frauen schön. Ihre Augen glänzen. Beim Anblick eines Stück Stoffs stellen sie sich schon ein Kleid, ein Kissen, eine Puppe vor. Sie fabrizieren Träume, sie halten die Schönheit der Welt in ihren Händen. Bevor ich gehe, kaufe ich Bembergseide, ein paar Polypropylenriemen, Baumwollzackenlitze und Perlentroddeln.
Das Glück kostet nicht mal vierzig Euro.
S. 53


Meine Meinung


Ein Buch, über das ich einmal zufällig gestolpert bin und das seitdem groß auf meiner Wunschliste stand. Über Weihnachten hat es endlich den Weg zu mir gefunden und meine Zugfahrt gefüllt.
Das Thema erschien mir anfangs etwas ausgelutscht, schließlich gibt es schon viele Filme und Bücher über Menschen die im Lotto gewinnen und erstmal überlegen müssen, was sie mit dem Geld anstellen sollen. Meist sind es dann auch (wie in diesem Fall) Menschen, die sonst eigentlich nie Lotto spielen.

Am Anfang war ich also noch nicht ganz überzeugt, ich fand das Buch ganz nett geschrieben, auch wenn es (typisch französisch) aus vielen Querverweisen und Rückblicken in Jocelynes Leben bestand. Das ist sicher Geschmackssache, mir hat es recht gut gefallen.
Die Gedanken von Jocelyne fand ich an jedem Punkt sehr glaubhaft vermittelt, ich konnte verstehen, warum sie bestimmte Entscheidungen trifft. Auch wenn sie früher von einem anderen Leben geträumt hat, hat sie sich mittlerweile mit dem Leben arrangiert, das sie führt und kann sich nichts anderes vorstellen, zumindest nichts, was Geld verbessern könnte. Sie hat sich mit ihrem Leben abgefunden.

Das zentrale Thema dieses Buches ist Glück. Kann Geld glücklich machen? Was genau macht glücklich? Gehört nicht mehr dazu, als die Möglichkeit, sich alles kaufen zu können?
Jocelyne beginnt Listen zu schreiben. Aufzählungen der Investitionen, die getätigt werden müssen, ein Sparschäler, ein neuer Duschvorhang. In teuren Läden fühlt sie sich verloren. Im Laufe des Buches lernt man Jocelyne und ihre Gedanken sehr genau kennen und verstehen.

Das Buch ist sehr schmal, bietet dafür aber erstaunlich viel. Es wartet auch durchaus mit überraschenden Wendungen auf und ab einem gewissen Punkt habe ich es rauschartig durchgelesen. Ein wirklich schönes, wenn auch streckenweise sehr trauriges Buch mit vielen Gedanken, die bei mir hängen geblieben sind. Und es hat mich unemotionalen Leser tatsächlich sehr berührt.

Bei der Bewertung schwanke ich ziemlich und kann mich schwer zwischen den vier und den fünf Sternen entscheiden. Das Buch hat mir wirklich gut gefallen, andererseits weiß ich nicht, ob es außergewöhnlich genug für fünf Sterne ist. Ich denke, ich entscheide mich für vier Sterne.

Ich bin glücklich mit Jo.
Es ist nicht das Leben, von dem die Worte in meinem Tagebuch aus der Zeit träumten, als Maman noch lebte. Mein Leben hat nicht die perfekte Anmut, die sie mir abends wünschte, wenn sie sich zu mir ans Bett setzte, wenn sie sanft über mein Haar streichelte und flüsterte: Du hast Talent, Jo, du bist intelligent, du wirst ein schönes Leben haben.
Sogar die Mütter lügen. Weil sie ebenfalls Angst haben.
S. 23


Fazit


Wer keine französische Literatur mag, sollte davon lieber die Hände lassen. Wer stark gedankenorientierte Romane mag, ist hier genau richtig. Ein schönes kleines Buch über das Glück, sehr bewegend.

Idee: 3/5
Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Schreibstil: 5/5
Lesespaß: 5/5

Gesamt:
  

Kommentare:

  1. Interessanter Roman. Die Thematik spricht mich ja sehr an, weil ich noch nie ein Buch über die Frage des Glücks gelesen habe. Vom Inhalt her hätte ich es nie Beachtung geschenkt, schöne Rezension. Macht Lust darauf, es auszuprobieren. Ich werde das Buch im Hinterkopf behalten :D Obwohl ich eher der Typ bin, der Spannung bevorzugt :P

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    1. Solltest du es mal lesen, bin ich gespannt auf deine Meinung. Wenn du Spannung magst, ist es aber vielleicht eher nicht das richtige für dich, denn spannend ist es tatsächlich nicht unbedingt.
      Dennoch hat es mir wirklich gut gefallen. :)

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  2. hallo,
    eine wirklich sehr schoene rezension, das buch ist gleich mal auf meine wunschliste gewandert :) ich lese sehr gerne franzoesische literatur und habe alle buecher von anna gavalda in meinem regal stehen. ich mag es, wenn es in buechern immer ein wenig um selbstfindung und die zentralen fragen des lebens geht.
    glg, cyhmc

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    1. Hey,
      schön mal wieder was von dir zu lesen. :)
      Wenn du Anna Gavalda und allgemein französische Literatur magst, ist dieses Buch sicher etwas für dich. Es beschäftigt sich sehr stark mit den Antrieben der Menschen und den Lebenszielen.
      Viele Grüße
      Miyann

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