[Rezension] Nullzeit




Juli Zeh
Nullzeit
Schöffling & Co.
19,95
ISBN 978-3-89561-436-1
1. Auflage August 2012
256 Seiten
Gebunden
Verlagsseite
Leseprobe





Inhalt


Eigentlich ist die Schauspielerin Jola mit ihrem Lebensgefährten Theo auf die Insel gekommen, um sich auf ihre nächste Rolle vorzubereiten. Als sie Sven kennenlernt, entwickelt sich aus einem harmlosen Flirt eine fatale Dreiecksbeziehung, die alle bisherigen Regeln außer Kraft setzt. Wahrheit und Lüge, Täter und Opfer tauschen die Plätze. Sven hat Deutschland verlassen und sich auf der Insel eine Existenz als Tauchlehrer aufgebaut. Keine Einmischung in fremde Probleme – das ist sein Lebensmotto. Jetzt muss Sven erleben, wie er vom Zeugen zum Mitschuldigen wird. Bis er endlich begreift, dass er nur Teil eines mörderischen Spiels ist, in dem er von Anfang an keine Chance hatte. (Quelle)

Es war immer spannend, neue Kunden am Flughafen abzuholen. Man wusste nie, wer auf die Idee kam, das Tauchen auszuprobieren. Weil Antje die Büroarbeit erledigte, hatte ich mit den meisten im Vorfeld nicht einmal telefoniert. Wie würden sie aussehen, wie alt, welche Vorlieben, Berufe, Lebensgeschichten? Am Meer war es so ähnlich wie im Zug: Man lernte sich in kürzester Zeit verblüffend gut kennen. Weil ich mir angewöhnt hatte, keine Urteile zu fällen, kam ich mit allen gut zurecht.
S. 8f.


Meine Meinung


Ausgelesen, nachgedacht, durchgeatmet, aufgeschrieben. Ja, ich habe das Buch eben erst beendet und habe das Gefühl, meine Gedanken nun in Worte fassen zu müssen, aus Angst, dass sie mir doch entgleiten könnten.
Nullzeit. Liebe und Hass, Einmischen und Raushalten, Besessenheit. Menschliche Gefühle und Zwiespälte stehen hier im Vordergrund. Das Buch wird als Psychothriller beworben, allerdings darf man hier keine reißende Handlung mit unerträglicher Spannung erwarten. Die Handlung baut sich schnell auf, entwickelt aber eine eher unterdrückte Spannung. Mich persönlich hat es trotzdem sehr gefesselt und am liebsten hätte ich es schon letztes Wochenende in einem Rutsch durchgelesen.

Auch Juli Zehs Schreibstil hätte das erlaubt, er ist in diesem Buch sehr flüssig, ganz frei von Dissonanzen, die ich von anderen Büchern von ihr kenne. Keine Stelle, über die man stolpert (gewollt!), eine durch und durch schöne, klare Sprache, die es Spaß bringt, zu lesen.

Die Charaktere die sie erschaffen hat, wirken komplex und durchdacht und in ihrem Verhalten undurchschaubar. Und genauso entwickeln sich auch die Beziehungen zwischen den Charakteren. Ein gleichzeitiges Anziehen und Abstoßen, Faszination und Unverständnis.
Svens Besessenheit für Jola lässt ihn beinahe alle seine Prinzipien vergessen, dabei hatte er doch ein Leben ohne all diese zwischenmenschliche Konflikte führen wollen, genau dies war der Grund für sein Auswandern gewesen.
Er muss sich die Frage stellen, ob es überhaupt möglich ist, sich rauszuhalten. Ob das menschliche Wesen nicht ganz anders veranlagt ist.
Gleichzeitig stellt sich der Leser die Frage nach Wahrheit und Täuschung, wer spielt hier ein falsches Spiel? Wer führt wen in die Irre?

Was ich auch noch besonders hervorheben möchte, ist die gute Schilderung der Tauchszenen. Ich weiß nicht, inwiefern diese realitätsgetreu sind, aber als Menschen, der noch nie Tauchen war, haben sie mich sehr fasziniert und man hatte das Gefühl, die Extremsituation am eigenen Leib nachvollziehen zu können, die Abhängigkeit von der Luft.

Nur das Ende erfüllt nicht ganz die Erwartungen, die sich im Laufe des Buches aufgebaut haben, es schwächelt leider etwas. Dafür haben mich Anfang und Mittelteil umso besser unterhalten. Ein wirklich intelligenter Thriller.
Warum trotzdem nur vier Sterne? Ich weiß nicht, irgendwas fehlt mir. Ich kann es nicht genau in Worte fassen oder rational begründen. Vielleicht ist es das etwas schwache Ende, dass keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Ich drehte ihr und dem Hund den Rücken zu. Ich hasste es, wenn Menschen einander beurteilten. Es war eine Sucht. Ein Fluch. Ich hatte Deutschland verlassen, weil ich das Leben in einem allumfassenden Netz aus gegenseitigen Beurteilungen nicht länger ertrug. Urteilende und Beurteilte befanden sich im permanenten Kriegszustand, und jeder füllte, je nach Situation, die eine oder die andere Rolle aus.
S. 35f.


Fazit


Ein gelungenes Buch von Juli Zeh; wer Lust auf einen intelligenten Thriller hat, kann hier zugreifen. Es erwartet einen ein fesselndes Ränkespiel vor einer faszinierenden Kulisse.

  

Kommentare:

  1. Und immernoch habe ich nichts von Juli Zeh gelesen - das muss ich unbedingt nachholen! Deshalb ist dieses Buch jetzt nach deiner tollen Rezi geradewegs auf meine Priorität-hoch-Wunschliste gewandert ;)

    Nach "Jane Eyre" (das Cover dieser Ausgabe hat mich auch erst dazu bewogen, eendlich dieses Buch zu kaufen, weil es wirklich super schön ist ;) ) stehen bei mir jetzt auch die Bücher der anderen Schwestern an :)

    Mützen gehören trotz meiner Ohrweh-Anfälligkeit so gar nicht zu mir :P
    Vielleicht hast du ja irgendwann - gut eingepackt ;) - die Möglichkeit, bei Schnee an den Strand zu gehen. Winter ist ja noch ein paar Mal. Dann mach aber auf jeden Fall Fotos! :D

    Das Notizbuch liegt da auch eigentlich nur, damit ich schöne Zitate aus Büchern direkt beim Lesen rausschreiben kann; bietet sich an, weil ich meistens im Bett lese :) Das kann aber wirklich auch sonst ganz praktisch sein, allerdings siegt bei mir trotzdem auch meistens das faule Ich... kann man nix machen :D

    Liebe Grüße :)

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    1. Haha, ja irgendwie sind wir beide sehr mitteilungsbedürftig :D

      "Spieltrieb" und "Nullzeit" habe ich mir jetzt beide mal genauer angesehen und das scheinen ja wirklich ganz unterschiedliche Bücher zu sein. Deshalb sind einfach beide auch meine Wunschliste gewandert :D

      Zu den Büchern der anderen Brontë-Schwestern gibt es keine ähnlich gestaltete Ausgabe; zumindest habe ich weder beim Verlag, noch bei amazon eine gefunden. Das ist wirklich ein bisschen schade.
      Deine Ausgaben sehen viel mehr nach Klassiker aus irgendwie :D

      Aber Mützen machen die Haare kaputt!^^ Zumindest meine werden dann immer sehr elektrisch. Solange ich also dank Heizungsluft und Mütze aussehen würde, als hätte ich in eine Steckdose gegriffen, weil meine Haare so abstehen, muss ich Schadensbegrenzung betreiben und kalte Ohren haben :P

      Das mit den Klebezetteln habe ich seit neustem auch entdeckt. Jane Eyre ist jetzt voller Post-Its :D Aber ich leihe auch viel aus Büchereien oder von Freunden aus und da bringt das mit den Zetteln natürlich nichts. Manchmal mache ich dann Abends aber ein Extra-Lesezeichen bei der Zitat-Seite ins Buch und schreibe die Stelle dann am nächsten Tag ab. Faulheit macht erfinderisch.
      Ich glaub, das ist sogar ein berühmter Satz von einem schlauen Menschen: "Die größten Erfindungen des Menschen liegen in seiner Faulheit begründet" ...oder so. Muss ich mal googlen :D

      Pink mag ich auch nicht mehr so gerne wie früher. Aber manchmal passt es noch :)

      Liebe Grüße! :D

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